Für ihre Verdienste erhielt die gebürtige Prenzlauerin und CDU-Politikerin, Dr. Lena Ohnesorge, das Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband, die Paracelsus-Medaille, die Goldene Ehrenplakette des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Anlässlich ihres 20. Todestages wurde 2007 am Wohnhaus der Familie in Prenzlau eine Gedenktafel enthüllt. Wenig später wurde zudem eine Straße ihrer Heimatstadt nach ihr benannt. Aber wer war Dr. Lena Ohnesorge?
Wir danken Herrn Dr. Heinz Schneider und der Ärztekammer Schleswig-Holstein für die freundliche Genehmigung, den bereits im Ärzteblatt erschienen Artikel veröffentlichen zu dürfen.
Fragt man jemanden im Lande zwischen den Meeren nach Persönlichkeiten, die, in der Mark Brandenburg geboren, auch in Schleswig-Holstein Bedeutung erlangt haben, darf ihm neben Theodor Fontane („Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864“) getrost Dr. Lena Ohnesorge einfallen, die am 17. Juli 1898 als Lena Voss, drittes von sechs Kindern des Böttchermeisters und späteren Essigfabrikanten Gustav P. R. Voss und seiner Ehefrau Elise in Prenzlau in der Uckermark geboren wurde, und in deren Leben sich nahezu alle Facetten des 20. Jahrhunderts widerspiegeln.
Ihre Mutter zog 1919 nach Einführung des Frauenwahlrechts als erste weibliche Stadtverordnete für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) ins Stadtparlament ein. Auch der Vater war ein sehr angesehener Stadtverordneter dieser Partei. Am 20. März 1920 wurde ihr 17-jähriger Bruder während des Kapp-Putsches erschossen. So wuchs Lena Voss in einem politisch stark geprägten Elternhaus auf, in dem preußische Tugenden wie Pflichtbewusstsein, Bescheidenheit, Unbestechlichkeit, Wahrheitsliebe, Gründlichkeit und Sparsamkeit hochgehalten wurden.
Lena besuchte in ihrer Heimatstadt zunächst die Höhere Töchterschule (Lyzeum), schloss das Oberlyzeum mit der Lehrerprüfung ab und bestand dann 1917 mit ausgezeichneter Benotung ihr Abitur in Stettin. Medizin studierte sie an verschiedenen Universitäten, zuletzt in Kiel, wo sie 1923 ihr medizinisches Staatsexamen mit dem Prädikat „sehr gut“ bestand und noch im gleichen Jahr mit der Dissertationsschrift „Zur Epidemiologie der Parotitis epidemica - ein Beitrag aus Kieler Schulen“ zum Dr. med. promovierte. Schon diese Arbeit lässt ihr Interesse an sozialmedizinischen Fragen deutlich erkennen.
Ihre Medizinalassistentenzeit absolvierte sie zunächst im heimatlichen Kreiskrankenhaus Prenzlau, in dem sie den Assistenzarzt Dr. Hans Ohnesorge kennen lernte und 1924 heiratete. Ihre kassenärztliche Zulassung erhielt sie, nachdem ihr Mann auf die seinige bei ausreichender Zahl von Privatpatienten verzichtet hatte.
1925 wird ihr erstes Kind geboren, dem noch drei weitere folgen, ein fünftes stirbt kurz nach der Geburt während des Krieges. Da nimmt sie 1945 den Freund ihres Sohnes als Pflegekind in ihre Familie auf. Zur Bewältigung ihres Haushalts standen ihr „dienstbare Geister“ zur Verfügung: eine Hausdame, ein Zimmermädchen, eine Kinderfrau und eine Waschfrau.
Ab 1927 arbeitete sie nebenberuflich als Vertragsärztin in der „Landarmen- und Korrigendenanstalt“, in der etwa 150 „früh entgleiste Mädchen“, zumeist ohne elterlichen Halt aus Großstädten kommend, untergebracht waren, und sorgte dafür, dass die von ihnen Geeigneten im gegenüberliegenden Siechenheim aushelfen konnten. Außerdem betreute sie schwangere Mädchen in einem Entbindungshaus sowie Land- und Stadtstreicher in einem „Wandererheim“. Vor allem durch ihre Ämter und Nebentätigkeiten lernte sie das ganze Elend der Randgruppen der Gesellschaft kennen, für die sie Verantwortung übernimmt in Erfüllung des Postulats Rudolf Virchows: „Der Arzt ist der berufene Anwalt der Armen.“
Bald nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde das Fürsorge-Erziehungsheim mit der Begründung aufgelöst: „... die Hitlerjugend kann diese Aufgabe besser erfüllen!“ Lena Ohnesorge konnte auch nicht verhindern, dass die Pflegebedürftigen des Siechenheimes plötzlich mit unbekanntem Ziel verfrachtet wurden.
Dr. Lena Ohnesorge setzte sich auch unermüdlich für die Kriegsverletzten - und zwar aller Nationen! - ein wie auch für die Kriegsgefangenen. Als unter den sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem Gut Hindenburg-Pinnow eine sehr schwere Brech-Durchfall-Erkrankung ausbrach, führten die von ihr getroffenen und vom Gutsherrn exakt befolgten ärztlichen Maßnahmen zur Ausheilung der kleinen Epidemie ohne einen einzigen Todesfall! Nach der Besetzung durch die Rote Armee verschwand dieser Gutsherr spurlos.
Nachdem am 8. September 1944 Graf Schwerin von Schwanenfeld als Mitverschwörer des gescheiterten Attentats vom 20. Juli 1944 in Plötzensee hingerichtet und vom Volksgerichtshof außerdem vollständig enteignet worden war, bewies Lena Ohnesorge ein hohes Maß an Zivilcourage, in dem sie für eine neue Bleibe seiner Familie nach deren Entlassung aus der Sippenhaft sorgte. Von Januar bis April 1945 leistete Dr. Ohnesorge jede Nacht Notdienst und versorgte verletze und schwererkrankte Flüchtlinge und half ihnen so bei der Fortsetzung ihrer Flucht nach Westen in den schier endlosen Trecks durch Frost und Schnee. Erst nachdem am 19. April 1945 die ersten sowjetischen Bomben auf ihrem Grundstück niedergegangen waren und die Front sich deutlich hörbar genähert hatte, verließ die tapfere Frau mit ihren drei Töchtern ihre Heimatstadt und gelangte über Mecklenburg nach Lübeck.
Aus dem Nichts heraus baute sie hier in der Musterbahn 1 eine neue Praxis auf. Ihr Ehemann kehrte 1946 aus der Kriegsgefangenschaft heim, konnte aber wegen seiner Kriegsverletzungen nicht mehr als Arzt tätig sein. Er verstarb 1953 in Lübeck. Die ständige Konfrontation mit den Kriegsopfern, vor allem mit dem Elend der Flüchtlinge, zu denen sie jetzt selbst gehört, trieben Lena Ohnesorge in die Politik. In ihrer nicht immer bequemen, aber dafür um so bestimmteren Art schickte sie am 30. Januar 1946 an den Oberpräsidenten der Provinz Schleswig-Holstein ihre „Gedanken über das Flüchtlingsproblem“, in dem sie weitere Beschlagnahmen nicht angemessenen Wohnraums, nicht benötigter Möbel und (meist für die Aussteuer) gehorteter Wäsche forderte.
1950 gehörte Dr. Lena Ohnesorge zusammen mit Waldemar Kraft zu den Gründungsmitgliedern des Blocks der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), der sich zunächst in Schleswig-Holstein konstituierte und schon ein Jahr später auf etwa 200 000 Mitglieder angewachsen war. Von 1950-1958 gehörte sie der BHE-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein an. Als Vorsitzende des Gesundheitsausschusses sorgte sie bei ihren Besichtigungen in Flüchtlingslagern für unverzügliche Beseitigung grober Mängel, was ihr den Ehrentitel „Schrecken der Landräte“ eintrug.
1957 holte der konservative Ministerpräsident Kai Uwe von Hassel die als Linke eingeordnete Lena Ohnesorge als Ministerin für Arbeit, Soziales und Vertriebene in sein Kabinett und damit als erste Frau in eine schleswig-holsteinische Landesregierung. 1958 tritt sie aus dem BHE aus und ein Jahr später der CDU bei.
1960 bittet sie der damalige Bundeskanzler Dr. Adenauer, ein Ministerium zu übernehmen. Daraus wurde nichts, weil sich ihr Charakter nicht für eine Quotenfrau eignete, trotzdem wirkte sie auch weiterhin auf Bundesebene als stellvertretendes Mitglied des Bundesrates und ab 1961 als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der für das Bau-, Wohnungs- und Siedlungswesen zuständigen Minister der Länder und in anderen Funktionen.
Erst 1967, im 69. Lebensjahr stehend, legt die rastlose Frau ihr Amt als Sozialministerin Schleswig-Holsteins nieder. Neben ihren Aufgaben als Ministerin wirkte sie von 1950-1959 als einziges weibliches Mitglied in der Kammerversammlung der Ärztekammer Schleswig-Holstein, von 1965-1973 als Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes. 1968 wird sie von der Medical Women’s International Association zur Vizepräsidentin als Vertreterin für Zentraleuropa gewählt. Außerdem war sie stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und Hauptvorstandsmitglied im Bundesvorstand. 1956 wurde sie Vorstandsmitglied der Lübecker Possehl-Stiftung.
Ihr entschiedener Kampf galt der Anerkennung und Gleichberechtigung der Frau im Berufsleben, der Einführung der Hausfrauenrente und der Anerkennung von Ausfallzeiten durch Mutterschaft. Zwei nicht unwichtige Daten fehlen noch: Als Lena Ohnesorge 1948 in ihre Heimatstadt Prenzlau zurückkehren wollte, wurde sie von den SED-Bonzen als „kapitalistische Ärztin“ abgelehnt.
1949 wurde auf ihre Initiative hin in Lübeck der Heimatkreis Prenzlau gegründet, der bis heute 25 Heimattreffen mit jeweils bis zu 500 heimatverbundenen Mitgliedern durchgeführt hat.
In Anerkennung ihrer umfangreichen Verdienste erhält Lena Ohnesorge:
- 1967 das Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband,
- 1974 die Paracelsus-Medaille der Deutschen Ärzteschaft,
- 1979 die Goldene Ehrenplakette des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes,
- in den 80er Jahren ehrt sie ihre zweite Heimatstadt Lübeck mit der Benennung einer Straße mit ihrem Namen, den „Dr. Lena-Ohnesorge-Weg“.
Nach ihrem Tode kurz vor der Wende, die sie nicht mehr erleben durfte, wurde Dr. Lena Ohnesorge in Lübeck an der Seite ihres Mannes beigesetzt. Am Familiengrab in Prenzlau erinnert eine Gedenkplatte an das Ehepaar Dres. Ohnesorge.
Anlässlich ihres 20. Todestages wurde am 12. August 2007 am Wohnhaus der Familie Ohnesorge in Prenzlau, Brüssower Str. 1, Ecke Grabowstr. in einem Festakt zu Ehren von Dr. Lena Ohnesorge eine Gedenktafel feierlich enthüllt.
Im „Heimatkalender Prenzlau 2008“ wird ihrer in einem längeren Artikel ehrend gedacht.
Dr. Hans-Joachim Gutschmidt, Pinguinweg 28, 24159 Kiel, Dr. Heinz Schneider, Leonard-Bernstein-Ring 60, 15831 Mahlow





